Gedichte Baum & Wald


Gedichte - Baum & Wald

Sammlung an Gedichten mit Bezug zum Thema Baum & Wald für Leserunden und Gedächtniseinheiten.

 


Ich bin die Wärme deines Herdes an kalten Winterabenden.
Ich bin der Schatten, der dich vor
der heißen Sommersonne beschirmt.
Meine Früchte und belebenden Getränke
stillen deinen Durst auf deiner Reise.
Ich bin der Balken, der dein Haus hält,
die Tür deiner Heimstatt,
das Bett, in dem du liegst und
das Spant, das dein Boot trägt.
Ich bin der Griff deiner Harke,
das Holz deiner Wiege und
die Hülle deines Sarges.

Unbekannt

 

 

 

 

 

Kiefern

Inmitten jungfräulicher Ahornbäume
Und Birken mag ich stolze Kiefern nicht;
Sie störn die Schar lebendig-süßer Träume,
Zuwider ist mir ihr Gesicht.

Im Kreis der auferstandenen Nachbarn stöhnen
Und flüstern oder zittern jene nie.
Den Frühling, den die Siegeskränze krönen,
Gemahnen an den Winter sie.

Und läßt der Wald sein letztes Blatt verwehen,
Der auf das Frühjahr, das Erwachen harrt,
Dann bleiben sie, Künftiges schreckend, stehen
In kühler Schönheit, wie erstarrt.

Afanassi Afanassjewitsch Fet

 

 

 

So stehn wir, ich und meine Weide,
so leider miteinander beide:
Nie kann ich ihr was tun zu Liebe,
nie kann sie mir was tun zu Leide.

Sie kränket es, wenn ich die Stirn
ihr mit einem Diadem bekleide;
ich danke selbst, wie für ein Lächeln der Huld,
für ihre Zornesbescheide.

So stehn wir, ich und meine Weide,
so leider miteinander beide.

Georg Friedrich Daumer

 

 

Die Zirbelkiefer

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie las in einem Buche jüngst,
die Seele säße dort darin.

Sie säße dort wie ein Insekt
voll wundersamer Lieblichkeit,
von Gottes Allmacht ausgeheckt
und außerordentlich gescheit.

Die Zirbelkiefer sieht sich an
auf ihre Zirbeldrüse hin;
sie weiß nicht, wo sie sitzen tut,
allein ihr wird ganz fromm zu Sinn.

Christian Morgenstern

 

 

 

 

 

 

Die zwei Wurzeln

Zwei Tannenwurzeln groß und alt
unterhalten sich im Wald.

Was droben in den Wipfeln rauscht,
das wird hier unten ausgetauscht.

Ein altes Eichhorn sitzt dabei
und strickt wohl Strümpfe für die zwei.

Die eine sagt: knig. Die andre sagt: knag.
Das ist genug für einen Tag.

Christian Morgenstern

 

 

 

Der Wanderer in der Sägmühle

Dort unten in der Mühle
Saß ich in süßer Ruh'
Und sah dem Räderspiele
Und sah den Wassern zu.

Sah zu der blanken Säge,
Es war mir wie ein Traum,
Die bahnte lange Wege
In einen Tannenbaum.

Die Tanne war wie lebend,
In Trauermelodie
Durch alle Fasern bebend
Sang diese Worte sie:

Du kehrst zur rechten Stunde,
O Wanderer, hier ein,
Du bist's, für den die Wunde
Mir dringt ins Herz hinein!

Du bist's, für den wird werden,
Wenn kurz gewandert du,
Dies Holz im Schoß der Erden
Ein Schrein zur langen Ruh'.

Vier Bretter sah ich fallen,
Mir ward's ums Herze schwer,
Ein Wörtlein wollt' ich lallen,
Da ging das Rad nicht mehr.

Justinus Kerner

 

 

 

Einkehr

Bei einem Wirte wundermild
Da war ich jüngst zu Gaste.
Ein goldner Apfel war sein Schild
An einem langen Aste.
Es war der gute Apfelbaum
Bei dem ich eingekehret
Mit süßer Kost und frischem Schaum
Hat er mich wohl genähret.

Es kamen in sein grünes Haus
Viel leichtbeschwingte Gäste
Sie sprangen frei und hielten Schmaus
Und sangen auf das Beste.

Ich fand ein Bett in süßer Ruh
Auf weichen, grünen Matten
Der Wirt er deckte selbst mich zu
Mit seinem kühlen Schatten.

Nun fragt ich nach der Schuldigkeit.
Da schüttelt er den Wipfel
Gesegnet sei er allezeit
von der Wurzel bis zum Gipfel.

Ludwig Uhland

 

 

 

Der Apfelbaum

In eines Bauers Garten stand
Ein schöner Apfelbaum; doch neigten Hang und Winde
Und Alter ihn zu weit nach linker Hand.
Der Bauer sahs; berief sein Hausgesinde,
Und hielt geheimen Rat. In diesem ward erkannt:
Den Baum mit umgelegten Stricken
Und mit vereinter Kraft ins Gleichgewicht zu rücken.
Man schritt zum Werk, das rasch von Statten ging.
Kein Wunder, zwanzig Ärzte zogen
So derb, daß sie den Stamm noch mehr zur Rechten bogen,
Als er zuvor sich nach der Linken hing.
Zum Teufel! fluchte Kunz, ihr seid so dumm als Pferde,
Der Baum soll aufrecht stehn. Nun schritten klein und groß
Zur zweiten Kur; allein die Wurzeln rissen los
Und krachend fiel der Baum zur Erde.

Gottlieb Konrad Pfeffel

 

 

 

Der Lieblingsbaum

Den ich pflanzte, junger Baum
Dessen Wuchs mich freute,
Zähl ich deine Lenze, kaum
Sind es zwanzig heute.

Oft im Geist ergötzt es mich
Über mir im Blauen
Schlankes Astgebilde, dich
Mächtig auszubauen.

Lichtdurchwirkten Schatten nur
Legst du auf die Matten,
Eh du dunkel deckst die Flur,
Bin ich selbst ein Schatten.

Aber haschen soll mich nicht
Styrisches Gesinde,
Weichen werd ich aus dem Licht
Unter deine Rinde.

Frische Säfte rieseln laut,
Rieseln durch die Stille.
Um mich, in mir webt und baut
Ewger Lebenswille.

Halb bewusst und halb im Traum
Über mir im Lichten
Werd ich, mein geliebter Baum,
Dich zu Ende dichten.

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

 

Seht meine lieben Bäume an,
Wie sie so herrlich stehn,
Auf allen Zweigen angetan
Mit Reifen wunderschön!

Von unten an bis oben 'naus
Auf allen Zweigelein
Hängt's weiß und zierlich, zart und kraus,
Und kann nicht schöner sein;

Und alle Bäume rund umher,
All alle weit und breit,
Stehn da, geschmückt mit gleicher Ehr,
In gleicher Herrlichkeit.

Nikolaus Lenau

 

 

 

Der verwundete Baum

Sie haben mit dem Beile dich zerschnitten,
Die Frevler - hast du viel dabei gelitten?
Ich selber habe sorglich dich verbunden
Und traue: Junger Baum, du wirst gesunden!
Auch ich erlitt zu schier derselben Stunde
Von schärferm Messer eine tiefre Wunde.
Zu untersuchen komm ich deine täglich,
Und meine fühl ich brennen unerträglich.
Du saugest gierig ein die Kraft der Erde,
Mir ist, als ob auch ich durchrieselt werde!
Der frische Saft quillt aus zerschnittner Rinde
Heilsam. Mir ist, als ob auch ichs empfinde!
Indem ich deine sich erfrischen fühle,
Ist mir, als ob sich meine Wunde kühle!
Natur beginnt zu wirken und zu weben,
Ich traue: Beiden geht es nicht ans Leben!
Wie viele, so verwundet, welkten, starben!
Wir beide prahlen noch mit unsern Narben!

Conrad Ferdinand Meyer

 

 

 

 

 

Da steht ein Baum vom Blitz gerührt,
Doch nieder nicht geschmettert,
Wen just der Weg vorüberführt,
Sieht an ihm, wie's gewettert.
Neugierde kommt und schaut ihn an,
Mitleid bedauert dann und wann,
Doch die nicht helfen, nicht stützen,
Die können alle ihm nichts nützen.

Karl Ferdinand Dräxler-Manfred

 

 

Ich möchte in dir hochwellen
Grüner Baum!
Ich möchte treibfroh in deinen Markzellen
Aufschwellen
Bis in den Wipfeltraum
Lichtoben –

Ich möchte in die Lichtweiten
Hundert Arme breiten
Wie Zweige –
Armzweige mit Blätterfingern
Und dann fühlen wie Mittagsgluten,
Wie Lichtfluten
Durch sie schlingern –

Ich möchte aus deinem Wirbelkopf,
Lebensbaum,
aus dem Laubtraum
Wie Lichtgetropf,
Wie Windsingen
Mich aufschwingen
In den Weltraum!

Gerrit Engelke

 

 

 

An eine Linde

Schöne Linde!
Deine Rinde
Nehm den Wunsch von meiner Hand:
Kröne mit den sanften Schatten
Diese saatbegrasten Matten,
Stehe sicher vor dem Brand!
Reißt die graue Zeit hier nieder
Deine Brüder;
Soll der Lenz diese Äst
Jedes Jahr belauben wieder
Und dich hegen wurzelfest.

Johann Klaj

 

 

 

Der Bäume Wintertraum

Frieren und zittern die Bäume
Starrend im Winterrock,
Webt ihre Seele Träume
Unten im Wurzelstock.

Spinnt und webt in der langen
Dämmernden Winterzeit
sich aus Farben und Prangen
Bräutlich ein Frühlingskleid.

Steigt zu des Lenzes Festen
Heimlich im Stamm empor:
Wunderbar schiebt aus den Ästen
Traumhaft, ihr Kleid sich hervor.

Legt, was in Nacht sie gewoben,
Strahlend und froh an den Tag!
Jubelt die Sonne nicht oben,
Unten der Waldfinken Schlag?

Jakob Boßhart

 

 

 

 

Spruch

Pflanz einen Baum,
Und kannst du auch nicht ahnen,
Wer einst in seinem Schatten tanzt,
Bedenke Mensch:
Es haben deine Ahnen,
Eh' sie dich kannten,
Auch für dich gepflanzt!

Max Bewer

 

 

 

Die Nacht macht alle Bäume gleich,
Sie stehen wie die dunklen Mauern
Von einem unterirdischen Reich
Und wie Gestalten, die am Wege kauern.

Doch ihre Frühlingsgeister halten mit dir Schritt.
Sie senden Blütenrauch im Dunkeln her
Und gehen abwechselnd am Wege mit,
Und sie verlassen dich nur schwer.
Nie sind der Frühlingsnacht die Wege leer.

Max Dauthendey

 

 

Junger Baum

Die Sonne küßte seine Zweige,
Ihm wurde wunderlich zu Mut.
Die Winde sagen: Neige, neige,
Neig dich zur Erde, junges Blut.

Er aber bog mit schlichter Geste
Wie hundert Arme sonnenwärts
Die lichtverhärmten nackten Äste
Und zog den Himmel an sein Herz.

Heinrich Leberecht Fleischer

 

 

 

 

 

 

Lied des Waldbruders

Alles schweigt so stille,
Schläft schon jeder Baum,
Um den weiten Raum
Eine Wiegenhülle,
Kleine Sterne, ferne, ferne,
Fragen: was willst so allein?

O ihr kleinen Sterne,
Weil nun alles ruht,
Was mir wehe tut,
Will ich einzig gerne,
Nur mein Lieben wach geblieben,
Hegen meines Lichtleins Schein.

Otto Heinrich Graf von Loeben

 

 

Im Tannwald

Unheimlich an hört sich im Wald das Knarren
Der Tannen, die, von andern überhangen,
Hinauf zum grauen Abendhimmel starren.

So hört in Nächten oft, in kummerbangen,
Der Schlafende den andern durch ein Schnarren
Und seltsam Rufen, wirr im Traum begangen.

Christian Wagner

 

 

 

Die Zeder

Ich wachse langsam.
Meine Zeit
ist eine lange Geduldigkeit.
An allem wuchs ich, was mir ward,
Kein Reif zu jäh, kein Frost zu hart.
Ich wachs am Dunkel, daraus ich stieg,
ich wachs am Licht, darin ich mich wieg.
Ich wachs am Wurm, der an mir nagt,
ich wachs am Sturm, der durch mich jagt.
Veredelnd zwing ich jede Kraft,
hinauf zu dehnen meinen Schaft.
Ich dulde Blitz und Glut und Guß,
ich weiß nur, daß ich wachsen muß.
Und schau ich hoch auf diese Welt,
und kommt die Stunde, die mich fällt:
schmück Tempel ich und Paradies
des Gottes, der mich wachsen ließ.

Aus dem Orient

 

 

Nur eine Stunde im grünen Wald

Nur eine Stunde von Menschen fern,
Nur eine einzige Stunde!
Statt der tönenden Worte des Waldes Schweigen,
Statt des wirbelnden Tanzes der Elfen Reigen,
Statt der leuchtenden Kerzen den Abendstern,
Nur eine Stunde von Menschen fern!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Auf dem schwellenden Rasen umhaucht von Düften,
Gekühlt von den reinen balsamischen Lüften,
Wo von ferne leise das Echo schallt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!

Nur eine Stunde im grünen Wald,
Nur eine einzige Stunde!
Wo die Halme und Blumen sich flüsternd neigen,
Wo die Vögel sich wiegen auf schwankenden Zweigen,
Wo die Quelle rauscht aus dem Felsenspalt,
Nur eine Stunde im grünen Wald!

Auguste Kurs

 

 

 

Blühende Bäume

Was singt in mir zu dieser Stund
Und öffnet singend mir den Mund,
Wo alle Äste schweigen
Und sich zur Erde neigen?

Was drängt aus Herzensgrunde
Wie Hörnerschall zutag
Zu dieser stillen Stunde,
Wo alles träumen mag
Und träumend schweigen mag?

An Ästen, die sich neigen,
Und braun und dunkel schweigen,
Springt auf die weiße Blütenpracht
Und lacht und leuchtet durch die Nacht
Und bricht der Bäume Schweigen,
Daß sie sich rauschend neigen
Und rauschend ihre Blütenpracht
Dem dunklen Grase zeigen!

So dringt zu dieser stillen Stund
Aus dunklem, tiefem Erdengrund
Ein Leuchten und ein Leben
Und öffnet singend mir den Mund
Und macht die Bäum erbeben,
Daß sie in lichter Blütenpracht
Sich rauschend wiegen in der Nacht!

Hugo von Hofmannsthal

 

 

 

Nebelweben

Der Nebelweber webt im Wald
ein weißes Hemd für sein Gemahl.
Die steht wie eine Birke schmal
in einem grauen Felsenspalt.

Im Winde schauert leis und bebt
ihr dämmergrünes Lockenlaub.
Sie läßt ihr Zittern ihm als Raub.
Der Nebelweber webt und webt ...

Christian Morgenstern

 

 

 

Die Gäste der Buche

Mietegäste vier im Haus
Hat die alte Buche.
Tief im Keller wohnt die Maus,
Nagt am Hungertuche.

Stolz auf seinen roten Rock
Und gesparten Samen
Sitzt ein Protz im ersten Stock;
Eichhorn ist sein Namen.

Weiter oben hat der Specht
Seine Werkstatt liegen,
Hackt und zimmert kunstgerecht,
Daß die Späne fliegen.

Auf dem Wipfel im Geäst
Pfeift ein winzig kleiner
Musikante froh im Nest.
Miete zahlt nicht einer.

Rudolf Baumbach

 

 

 

Der starke Baum

Es wächst ein Baum
Und seine Äste greifen
Kühn in den Raum,
Daß Sterne seinen Wipfel streifen.

Er weiß es, daß
An seinem Wurzelende
Der Neid, der Haß
Sich reichen brüderlich die Hände

Und mit dem Dorn
Der Schelsucht ihn verwunden.
Jedoch kein Zorn
Stiehlt ihm das Glück der frohen Stunden.

Er lächelt bloß
In ruhigem Verstehen:
Dies ist das Los
Von allen, die in Sterne sehen.

Alfons Petzold

 

 

 

Mein Wald, mein Leben

Ich sah den Wald im Sonnenglanz,
Vom Abendrot beleuchtet,
Belebt von düstrer Nebel Tanz,
Vom Morgentau befeuchtet:
Stets blieb er ernst, stets blieb er schön,
Und stets mußt' ich ihn lieben.
Die Freud' an ihm bleibt mir besteh'n,
Die andern all zerstieben.

Ich sah den Wald im Sturmgebraus,
Vom Winter tief umnachtet,
Die Tannen sein in wirrem Graus,
Vom Nord dahingeschlachtet;
Und lieben mußt' ich ihn noch mehr,
Ihn meiden könnt' ich nimmer.
Schön ist er, düsterschön und hehr,
Und Heimat bleibt er immer.

Ich sah mit hellen Augen ihn,
Und auch mit tränenvollen;
Bald sänftigt' er mein Grollen.
In Sommersglut, in Winterfrost, –
Konnt' er mir mehr nicht geben, –
So gab er meinem Herzen Trost;
Und drum: Mein Wald, mein Leben!

Emerenz Meier

 

 

 

Im Wald

Tannen, edle Waldraketen,
Die doch nicht zerplatzen,
Drauf die Vögel hell trompeten,
Pfeifen, oder schwatzen:
Zieht auch meinen Geist nach oben,
Keck wohin ihr strebet,
Laßt auch mich den Schöpfer loben,
Der da liebt und lebet!

Unbekannt

 

 

 

 

Der Raben Wehgeschrei

Was weckt denn Wehschrei? was verdroß
Euch Raben? hab‘ ich es gefunden?
Gefällt, ein wahrer Waldkoloß,
Liegt hier ein Eichbaum, abgeschunden,
Sein Riesenastwerk ohne Rinde,
Entsetzlich mir, dem Menschenkinde.
Was Wunder, daß der Schrecken packt
Des Waldes wanderfrohe Raben,
Sehn sie den Alten tot und nackt,
Bei dem sie oft geherbergt haben!

Karl August Mayer

 

 

Der Waldsee

Wie bist du schön, du tiefer, blauer See!
Es zagt der laue West, dich anzuhauchen,
Und nur der Wasserlilie reiner Schnee
Wagt aus dem keuschen Busen dir zu tauchen.

Hier wirft kein Fischer seine Angelschnur,
Kein Kahn wird je durch deine Fluten gleiten!
Gleich einer Dithyrambe der Natur
Rauscht nur der Wald durch diese Einsamkeiten!

Wildrosen streun dir Weihrauch, ihr Arom
Und schlanken Tannen, die dich rings umragen,
Und die, wie Säulen einen mächt'gen Dom,
Ob sich des Himmels blau Gewölbe tragen.

Einst kannt' ich eine Seele, ernst, voll Ruh,
Die sich der Welt verschloß mit sieben Siegeln,
Die, rein und tief, geschaffen schien wie du,
Nur um den Himmel in sich abzuspiegeln.

Heinrich Leuthold

 

 

 

Der Baum

Am Wassergraben, im Wiesenland
Steht ein Eichbaum, alt und zerrissen,
Vom Blitze hohl, und vom Sturm zerbissen.
Nesseln und Dorn umstehn ihn in schwarzer Wand.

Ein Wetter zieht sich gen Abend zusammen.
In die Schwüle ragt er hinauf, blau, vom Wind nicht gerührt.
Von der leeren Blitze Gekränz umschnürt,
Die lautlos über den Himmel flammen.

Ihn umflattert der Schwalben niedriger Schwarm.
Und die Fledermäuse huschenden Flugs,
Um den kahlen Ast, der zuhöchst entwuchs
Blitzverbrannt seinem Haupt, eines Galgens Arm.

Woran denkst Du, Baum, in der Wetterstunde
Am Rande der Nacht? An der Schnitter Gered',
In der Mittagsrast, wenn der Krug umgeht,
Und die Sensen im Grase ruhn in der Runde?

Oder denkst du daran, wie in alter Zeit
Einen Mann sie in deine Krone gehenkt,
Wie, den Strick um den Hals, er die Beine verrenkt,
Und die Zunge blau hing aus dem Maule breit?

Wie er da Jahre hing und den Winter trug,
In dem eisigen Winde tanzte zum Spaß,
Und wie ein Glockenklöppel, den Rost zerfraß,
An den zinnernen Himmel schlug.

Georg Heym

 

 


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